Wir haben alle Angst

Wir haben alle Angst

Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, dass Sie es sagen dürfen. (Voltaire)

Dieses Zitat finde ich sehr treffend, was das derzeitige Weltgeschehen betrifft. Aus aktuellem Anlass habe ich mich entschieden, einen Blogbeitrag zu schreiben, um den vielen Eindrücken Ausdruck zu verleihen, die ich durch Klientengespräche, aber auch aus Gesprächen mit Freunden, Bekannten und der Familie und auch aufgrund eigener Erfahrungen in den letzten Monaten machen durfte. Ich setze mich für die Freiheit der Meinungsäußerung ein, um dieses hohe Gut zu bewahren.

Mut zur Emotionalität

Wir denken, dass wir einander zuhören und jedem seine eigene Meinung gestatten. Dass wir einfach sagen können, was wir meinen, ob dies anderen gefällt oder nicht. Bis vor kurzem hätten die meisten von uns hier wahrscheinlich kopfnickend zugestimmt. Aber ist das tatsächlich so? Gemeinsam mit der Informationsfreiheit bildet das Recht auf Meinungsäußerung einen wichtigen Aspekt einer lebendigen und funktionierenden demokratischen Gesellschaft, einer vielfältigen Kultur. Verfolgt man allerdings das politische Weltgeschehen und die gesellschaftliche Entwicklung seit dem letzten Jahr, entsteht schnell der Eindruck, dass freie Meinungsäußerung mehr ein Privileg ist, oder nur dann gilt, wenn es um nichts Wesentliches geht, als dass es ein unabdingbares Recht ist. Es sind Rechte, die nicht schon immer selbstverständlich waren, sondern von früheren Generationen erkämpft wurden, und zwar wieder und wieder, weil es viele leidvolle Anlässe und Gründe dazu gab. Seinen Unmut über Ungerechtigkeiten (und wenn auch nur aus der Sicht des Betroffenen) zum Ausdruck zu bringen, scheint nicht mehr selbstverständlich zu sein. Aber täglich über zu viel Bauchspeck, welcher nicht der trendigen Idealfigur entspricht, zu klagen, scheint uns hier jederzeit berechtigt. Wenn Menschen aber ihre Arbeit, ihre Existenz verlieren, Angst vor Armut haben, Angst haben, in Zukunft ihre Familie nicht mehr ernähren zu können, oder schlichtweg den eigenen wirtschaftlichen Standard nicht mehr halten zu können, den sie sich erarbeitet haben, wenn Kinder über ein Jahr ihre Lebendigkeit und den Impuls auf unbeschwerte Begegnung, Gemeinschaft, Bewegung und Spiel unterdrücken müssen, wenn Menschen Angst vor einer Impfung haben, weil diese erstmals in einer so kurzen Zeit zugelassen wurde und es natürlich auch Erfahrungen mit Impfschäden in der Vergangenheit gegeben hat, wenn Eltern, Mütter, besonders AlleinerzieherInnen sich überlastet fühlen und mit den vielen zusätzlichen Aufgaben über einen so langen Zeitraum einen extrem hohen Preis bezahlen, dann ist es aus meiner Sicht höchste Zeit diesen Weg zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen. All das sind nämlich durchaus reale Ängste und große Überforderungen, die viele von uns betreffen. Wenn es außer Bestrafung und täglichen Abwertungen keine wirkliche Perspektive mehr zu geben scheint, dann folgt ein Gefühl der Sinnlosigkeit, und dann liebe Leute, sind wir tatsächlich in einer destruktiven gesellschaftlichen Abwärtsspirale angelangt.

Lebendigkeit und Sinn erleben, der uns täglich trägt

Ich habe so viele Menschen in den letzten Monaten begleitet, die ihre Lebendigkeit und den Sinn der ihr Leben trägt, sukzessive immer mehr verloren haben. Und bei allem Respekt für die kreative Auseinandersetzung, um gute Lösungen zu finden – und glauben Sie mir, diese Menschen tun alle ihr Bestes – über einen langen Zeitraum schwindet der gute Glaube. Dann darf man sich auch als Einzelperson und als Gesellschaft, oder auch als Minderheit die Frage öffentlich stellen, ob der Weg den wir als Gesellschaft gehen, wirklich richtig ist. Auch wenn in jeder Krise eine Chance liegt, muss man bei Gott nicht jede Krise als Chance sehen und immer mit einem Neuanfang starten, denn viele Menschen sind schon täglich innovativ genug unterwegs und sind die MitgestalterInnen unserer Gegenwart. Aber Wirtschaftlichkeit braucht auch Berechenbarkeit, wenn man überhaupt wirtschaften oder arbeiten darf. Wer diese Zeit für sich gefunden hat und Neues daraus schöpfen kann, dem gratuliere ich von Herzen und das ist natürlich wunderbar. Allerdings sollten wir nicht von uns auf andere schließen, denn nicht jeder kann die Chance wirklich für sich nutzen. Es gibt sie – und wie werden in Zukunft noch mehr werden – die VerliererInnen dieser Zeit. Manchen ist schlichtweg die Kraft ausgegangen. Unter einigen verzweifelten Klienten von mir befinden sich auch viele junge Menschen, und sie alle haben ihre eigene Geschichte dazu. Diese Entwicklung macht mich mehr als besorgt. Natürlich haben wir Angst vor Krankheit und dem Sterben, Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren. All das sind reale Ängste, die zu uns gehören.

Warum werten wir Menschen ab, die eine andere Meinung als die Mehrheit haben? Wie können wir z. B. einfach davon ausgehen und es als selbstverständlich erachten, dass andere gerade ihren Beruf verlieren und diesen Verlust selbstverständlich zum Wohle der Gesellschaft einfordern? Und was ist zum Wohle aller, bitteschön? Aus meiner Sicht fehlt uns als Gesellschaft hier eine Ausgewogenheit und ein Verständnis füreinander und für die jeweiligen wesentlichen Grundbedürfnisse im Leben eines Menschen. Denn würden wir alle gleichermaßen über einen so langen Zeitraum verzichten müssen, auch finanziell – einschließlich unserer PolitikerInnen –, würden diese Maßnahmen mit ziemlicher Sicherheit schnell ein Ende finden. Die tatsächlichen Auswirkungen sind für uns noch nicht einmal sichtbar und schon gar nicht greifbar. Wir werden sie erst in naher Zukunft zu spüren bekommen. Aus meiner Sicht dürfen wir uns erlauben, diesem Weg kritisch gegenüber zu stehen. Wir sollten alles daransetzen, wieder ein Verständnis für einander zu entwickeln, damit wir als Gemeinschaft wachsen und aus der Krise gemeinsam geläutert und gestärkt herausgehen. Nur wenn wir die Krise erfolgreich als Gemeinschaft und Menschenfamilie bewältigen, ist sie wirklich eine Chance. Das ist für mich persönlich ein lohnenswertes Ziel.

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Aus meiner Sicht braucht es noch viel mehr mutige Menschen, die ihre Meinung nach außen tragen, kritisch sind und es auch einmal wagen, alleine mit einer Meinung dazustehen. Selbstverständlich wertschätzend! Wir hören, sehen, erleben Dinge, welche unsere Aufmerksamkeit wecken. Sie veranlassen uns, nachzudenken, zu grübeln oder sogar überzukochen. Sie spalten oder vereinen uns. Doch in einer Welt, die überfüllt ist mit Informationen und Reizen, fallen Menschen oft in eine Art Gleichgültigkeit. Warum ist das so? Weil wir so sehr an der Harmonie hängen? Weil wir lieber unseren Hang zur Bequemlichkeit kultivieren, als nachzudenken, als uns zu bewegen, uns zu informieren, kritisch zu hinterfragen und uns in andere hineinzuversetzen, die eine andere Lebenswirklichkeit haben? Weil wir nur froh sind, dass es uns selbst gut geht? Was tun, um die eigenen Gedanken zu schärfen und nicht in vermeintlicher Hilflosigkeit verloren zu gehen? Und was tun, wenn man plötzlich ganz alleine mit der eigenen Meinung dasteht und womöglich als Spinner in eine Schublade gesteckt wird? Nicht auszuhalten, denken Sie? Ja, und sie haben Recht, denn Isolation und sich getrennt von einer Gruppe zu erleben, von der Mehrheit, der Gemeinschaft, den Freunden, den Bekannten, der Familie oder den Arbeitskollegen gehört zu einer unserer größten Ängste. Ein Phänomen, welches der Sehnsucht nach Zughörigkeit entspringt, durch die immer versucht wird, Isolation und Einsamkeit zu vermeiden. Deshalb wagen wir oft lieber wenig und halten zurück mit unserer Meinung. Was für ein Verzicht!

Angst muss uns nicht unweigerlich lähmen. Angst kann auch Mut machen, indem wir lernen, unsere eigene Angst ernst zu nehmen. Indem wir sie nicht kleinmachen, sondern lernen, über sie hinauszuwachsen, vielleicht in kleinen Schritten, aber doch. Damit wir sagen können: „Ich lass dir deine Meinung, lass mir bitte meine, danke!“ Hier gibt es ein schönes Zitat von Marianne Williamson, das Nelson Mandela bei seiner Amtsantrittsrede vorgetragen hat. Es inspiriert mich persönlich, weil Nelson Mandela ein Drittel seines Lebens unter widrigsten Umständen in Gefangenschaft verbracht hat. Er hat sich sein ganzes Leben für ein gerechtes Leben eingesetzt, in dem jeder Mensch, egal welche Hautfarbe er hat, das Recht auf ein freies Leben hat.

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind.

Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.

Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.

Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, talentiert und fantastisch sein darf?

Wer bist du denn, es nicht zu sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich selbst klein zu halten, dient der Welt nicht.

Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du dich kleiner machst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen.

Wir sollen alle strahlen wie die Kinder.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.

Sie ist nicht nur in einigen von uns; sie ist in jedem Einzelnen.

Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben, befreit unsere Gegenwart andere ganz von selbst.“

(MARIANNE WILLIAMSON, Rückkehr zur Liebe)

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Menschen, auch wenn sie in der Mehrheit sind, können sich irren. Das liegt in der Natur der Sache. Denn so viele Menschen wie es auf unserer Welt gibt, so viele Meinungen und Wahrheiten existieren ebenfalls, denn Meinung und Wahrheiten sind immer subjektiv und niemals die Wahrheit. Selbst wenn die Wissenschaft von etwas ausgeht, dann spiegelt die Errungenschaft immer nur einen Bruchteil von einem Ganzen. Nur, wenn sich die Mehrheit arrangiert auf die eine Wahrheit oder die eine Meinung, heißt das noch lange nicht, dass das so ist und wir sollten auch niemals nur der einen Wahrheit nachlaufen, denn das könnte sich vielleicht später als fataler Irrtum herausstellen.

Deshalb noch ganz zum Abschluss: Toleranz ist was Wunderbares, aber sie kann auch Gleichgültigkeit oder sogar Überheblichkeit bedeuten. Akzeptanz hingegen wird als Akt der Wertschätzung erlebt und ist sicherlich der Toleranz weit überlegen.

Mit gutem Beispiel vorangehen und selbst den Mund aufmachen! Und das mit kritisch-pikanten Statements – selbstverständlich sollen sie wertschätzend sein, denn auch die Meinung der anderen hat ihren Wert. Aber ist das wirklich schlimm? Oder müssen wir uns gar für unsere eigene Meinung schämen oder schuldig fühlen? Lebendige Demokratie, so wie ich sie verstehe, finde ich herausfordernd, aber auch faszinierend. Wir sollten sie als Gesellschaft immer wieder so lebendig wie möglich leben. Und wir sollten uns immer wieder ihrer großen Vielfalt und ihrer reichlichen Möglichkeiten bedienen.

Oder haben Sie dazu eine ganz andere Meinung als ich? Nun ja, aber wissen Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, das ist gar nicht schlimm. Und ich gestatte Ihnen und mir diesen unterschiedlichen Zugang. Was sollʼs? Lassen Sie uns einfach mutig sein, im Sinne von „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, dass Sie es sagen dürfen.“ Das gilt für Sie, für mich und jeden anderen.

3 Kommentare

  • Hier, bin ich Veronika Grabner, geb. 19.07.1958, sitzte alleine, im Haus, seit letztes Jahr nach 38 Jahren Ehe, 5 x Schwanger, 3 Kinder und 3 Enkel, und die Mindestpension! Und nun habe ich berechtigte Befürchtungen, ich habe noch immer einen Schock, das ich das alles auf die Reihe bekomme! Die Einsamkeit, belastet mich täglich! Ich möchte einfach nur reden! Und da ist niemand!
  • Liebe Natascha! Ich bin nicht nur einverstanden mit dem was du schreibst, sondern stimme dir zu. Es ist mehr als bedenklich, wie einfach sich Meinungen (öffentlich) generieren lassen und Entscheidungsträger bewusst damit hantieren. Ja, ich hab auch Angst. Nämlich davor, dass wir diese Macht, die wir haben, nicht nützen. Dein Beitrag ist jedenfalls ein Aufruf heller zu scheinen und das eigene Licht hinaus zu tragen! Danke dafür!
  • Liebe Natascha, vielen Dank für diese Reflexion! Ich freue mich über dein Engagement... das hat Vorbildwirkung!
    Ich bin in meiner Meinung bescheidener geworden durch meine eigene Covid-Erkrankung, an der ich noch laboriere. Gleichzeitig wird vieles klarer und verstehbarer. Immer schon ist mir der systemische Grundsatz wichtig, dass ich für mich verantwortlich bin, mir selbst treu bleiben darf und darüber hinaus andere(s) gelten lassen kann. Aus mediativer Sicht gilt bekanntlich der Grundsatz, jede/r hat recht... es ist alles eine Frage der Perspektive. ;-)

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